Wie mir KI beim Creme-Kauf mehr geholfen hat als jede Shopping-Webseite
Wie ich wegen einer Handcreme fast Dermatologie studiert hätte
Eigentlich wollte ich nur eine neue Handcreme kaufen. Eine harmlose Sache. Zehn Minuten später verglich ich Literpreise mit Druckertinte und ließ mir von einer KI erklären, warum Niacinamid offenbar kein Zauberspruch ist.
Alles begann mit einer verschwundenen Handcreme
Eigentlich hat alles damit begonnen, dass ich meine Handcreme nicht finden konnte.
Und zwar nicht irgendeine Handcreme. Sondern die Handcreme.
Ich kann mir bis heute nicht immer genau merken, wie diese Firma heißt. Irgendwas mit Claritin? Clatin? Karin? Keine Ahnung. Jedenfalls war es eine Handcreme für Männer. Auf der weißen Tube waren Haken, Schraubenschlüssel und Werkzeug abgebildet. Also genau das, was offenbar nötig ist, damit Männer sich trauen, ihre Hände einzucremen.
Ich liebte diese Handcreme.
Man brauchte nur einen winzigen Tropfen. Wirklich nur einen Hauch. Damit konnte man beide Hände eincremen und hatte keine einzige Sekunde dieses unangenehme Gefühl, als hätte man sich gerade mit Butter eingeschmiert. Keine fettigen Finger. Kein glänzender Handrücken. Kein „Bitte nichts angreifen, ich bin gerade frisch paniert“.
Nur: Jetzt finde ich diese Creme nicht mehr.
Also dachte ich: Gut, kaufst du halt eine neue.
Und dann kam Clarins
Bei der Suche im Internet stolperte ich irgendwann auf die Seite von Clarins. Oder, wie mein Hirn zu diesem Zeitpunkt noch sagte: Klarin. Ist ja egal. Creme bleibt Creme.
Dort gab es dann verschiedenste Produkte aus der Männerserie. Gesichtscreme, Augencreme, Deo, Anti-Aging, Straffung, Müdigkeit, Falten, wahrscheinlich auch irgendwas gegen schlechte Laune bei Montagsterminen.
Und plötzlich sehe ich da eine Creme:
Da dachte ich mir: Na ja. Könnte man ja einmal ausprobieren. Ein paar Fältchen haben sich da inzwischen schon eingeschlichen. Nicht dramatisch. Aber sagen wir so: Mein Gesicht sieht nicht mehr so frisch aus wie noch vor ein oder zwei Jahren.
Dann sah ich den Preis.
Und mein Gehirn hat kurz den Dienst verweigert.
Ich dachte kurz daran, ob ich versehentlich Druckertinte kaufe. Oder Einhornblut. Oder irgendeine seltene Flüssigkeit, die nur bei Vollmond aus einem Schweizer Labor tropft.
Auch das Deo wollte offenbar Karriere machen
Völlig verrückt war auch der Preis des Deos.
Mein aktuelles Deo kostet 6 Euro und ich dachte bisher schon, ich bewege mich damit im gehobenen Duftsegment der Zivilisation. Offenbar war ich naiv.
Offenbar beginnt gepflegte Männlichkeit erst dort, wo man beim Schwitzen vorher kurz den Kreditrahmen prüft.
Also fragte ich meinen neuen Lieblingsfreund
Ungläubig, dass eine Creme wirklich so viel Geld kosten muss, konsultierte ich meinen neuen Lieblingsfreund.
Spezialist. Mechaniker. Dermatologe. Autor. Lektor. Einkaufsberater. Und gelegentlich auch professioneller Verwirrer.
Die KI.
Ich schrieb ungefähr:
Und so begann unser Gespräch. Wie Gespräche mit KI heutzutage oft beginnen.
Mit einem kleinen Hin und Her. Mit seltsamen Antworten, die neue Fragen aufwerfen. Mit Begriffen, die klingen wie Zaubersprüche aus der Dermatologie. Und irgendwann mit einer Erklärung, die sogar ich verstanden habe.
Zumindest glaube ich das.
Plötzlich war ich mitten in der Inhaltsstoffkunde
Wir analysierten Inhaltsstoffe.
Peptide. Hyaluronsäure. Niacinamid. Glycerin. Ceramide. Retinol-Alternativen. Duftstoffe. Alkohol. Feuchtigkeitsspender. Hautbarriere. Straffung. Anti-Aging. Marketingversprechen. Preisaufschlag. Markenimage.
Ich wollte eigentlich nur eine Creme kaufen.
Dreißig Minuten später diskutierte ich mit einer Maschine darüber, ob eine bestimmte Wirkstoffkombination tatsächlich sinnvoll ist oder ob ich gerade für ein elegantes Tiegelchen und französisch klingende Produktnamen bezahle.
Und genau da wurde es spannend.
Denn die KI hat mir nicht einfach gesagt: „Kauf das.“ Sie hat erklärt, warum manche Inhaltsstoffe sinnvoll sind. Welche Produkte ähnlich aufgebaut sind. Wo der Preis vielleicht durch Qualität erklärbar ist. Und wo er eher nach „Luxuspositionierung mit Cremefüllung“ aussieht.
Das war besser als jede Shopping-Webseite.
Und ehrlicherweise auch besser als mein typischer Drogeriemarkt-Besuch, bei dem ich vor 47 Tuben stehe und am Ende wieder das kaufe, auf dem „Men“ steht und das möglichst dunkelgrau aussieht.
Das Ergebnis war ernüchternd
Nach einigem Herumvergleichen kam heraus:
Viele teure Markenprodukte enthalten sehr gute Inhaltsstoffe. Keine Frage.
Aber viele günstigere Produkte enthalten ebenfalls sehr gute Inhaltsstoffe. Manchmal sogar ähnliche Wirkstoffgruppen. Nicht immer gleich elegant verpackt. Nicht immer mit demselben Duft. Nicht mit derselben Premium-Anmutung.
Aber funktional oft näher dran, als der Preis vermuten lässt.
Am Ende kaufte ich nicht die Luxuscreme
Wir, also die KI und ich, haben uns durch Produkte, Inhaltsstoffe und Preise gearbeitet.
Wir haben versucht, vernünftig zu bleiben. Wir haben akzeptiert, dass ich nicht plötzlich ein Beauty-Influencer werde. Und wir haben ein Produkt gefunden, das weniger luxuriös wirkt, aber inhaltlich ziemlich nahe an das herankommt, was ich eigentlich gesucht habe.
Für ungefähr ein Zehntel des Preises.
Natürlich ist das keine medizinische Beratung. Und natürlich ersetzt KI keinen Dermatologen, wenn man echte Hautprobleme hat. Aber für die Frage „Ist diese Creme den Preis wert oder gibt es etwas Vergleichbares?“ war das Beratungsgespräch erstaunlich nützlich.
Und jetzt?
Jetzt bin ich so weit, dass ich mir von einer Firma, von der ich vorher noch nie gehört habe, drei Cremes kaufen werde. Gesamtwert: über 70 Euro.
Das ist objektiv betrachtet immer noch absurd viel Geld für mein früheres Ich.
Aber nach 30 Minuten Inhaltsstoffanalyse fühlt es sich plötzlich an wie eine rationale Investition in die Zukunft meines Gesichts.
So schnell geht’s.
Man sucht eine Handcreme. Man landet bei Anti-Aging. Man vergleicht Literpreise mit Druckertinte. Und am Ende bestellt man drei Produkte, weil eine KI einem erklärt hat, was Niacinamid macht.